Unfallversicherung Österreich 2026 - Gliedertaxe & Progression

Von Martin Höllinger Stand 20.06.2026 Lesezeit 11 Min Quellen geprüft

Wofür die private Unfallversicherung zahlt

Die private Unfallversicherung leistet, wenn ein Unfall zu einer dauerhaften körperlichen Schädigung führt - der sogenannten dauernden Invalidität. Sie zahlt dann eine einmalige Kapitalsumme, deren Höhe sich aus drei Faktoren ergibt: der vereinbarten Versicherungssumme, dem Invaliditätsgrad laut Gliedertaxe und der gewählten Progression. Anders als die gesetzliche Absicherung gilt sie rund um die Uhr, weltweit und unabhängig davon, ob der Unfall im Job, im Haushalt, beim Sport oder im Urlaub passiert.

Genau hier liegt ihr Sinn. Die meisten Menschen glauben, über den Arbeitgeber ausreichend unfallversichert zu sein. Das stimmt nur für einen kleinen Ausschnitt des Lebens. Der Großteil aller Unfälle passiert in der Freizeit und im Haushalt - beim Wandern, Radfahren, Heimwerken, Skifahren. Für diese Fälle gibt es von der gesetzlichen Unfallversicherung keinen Cent.

Gesetzlich oder privat: was die AUVA wirklich abdeckt

Die gesetzliche Unfallversicherung läuft in Österreich über die AUVA. Sie ist eng begrenzt: Versichert sind ausschließlich Arbeitsunfälle, Unfälle auf dem direkten Arbeitsweg, Schul- und Studienunfälle sowie anerkannte Berufskrankheiten. Ein Sturz von der Leiter im eigenen Garten ist kein Arbeitsunfall - und damit nicht gedeckt.

Selbst wenn ein Arbeitsunfall vorliegt, ist die Leistung knapp bemessen. Eine Versehrtenrente gibt es laut WKO erst ab einer Minderung der Erwerbsfähigkeit von mindestens 20 Prozent (bei Schülern und Studenten 50 Prozent), die länger als drei Monate andauert. Die Rente beginnt im dritten Monat nach dem Unfall und wird 14-mal jährlich ausgezahlt. Bewertet wird abstrakt am allgemeinen Arbeitsmarkt, nicht an Ihrem konkreten Beruf - und es gibt keine Einmalzahlung, nur eine laufende Rente.

MerkmalGesetzlich (AUVA)Privat
Gilt beiArbeit, Arbeitsweg, Schule/Studium, Berufskrankheitjedem Unfall, 24/7 weltweit
Freizeit / Haushalt / Sportnicht gedecktgedeckt
LeistungRente ab 20 % MdEKapital ab 1 % Invalidität
Einmalzahlungneinja
Bemessungabstrakt am Arbeitsmarktnach Gliedertaxe

Die Konsequenz: Wer eine echte Lücke für Freizeitunfälle schließen will, kommt um die private Polizze nicht herum. Wer dagegen den dauerhaften Verlust seiner Arbeitskraft absichern will - egal ob durch Unfall oder Krankheit - ist mit einer Berufsunfähigkeitsversicherung besser bedient. Die Unfallversicherung ist die günstige Ergänzung, kein Ersatz dafür.

Gliedertaxe: das Herzstück der Polizze

Die Gliedertaxe ist eine Tabelle im Vertrag, die jedem Körperteil einen festen Invaliditätsprozentsatz zuweist. Verlieren Sie diesen Körperteil oder dessen Funktion vollständig, gilt der entsprechende Grad - bei teilweiser Beeinträchtigung anteilig. Diese Tabelle entscheidet über die Auszahlung, und ihre Werte unterscheiden sich je nach Versicherer erheblich. Das macht sie zum wichtigsten Vergleichskriterium, wichtiger als die Prämie.

Körperteil (Beispielwerte)Invaliditätsgrad
Arm70 %
Hand55 %
Bein70 %
Fuß40 %
Daumen20 %
Zeigefinger10 %
ein Auge50 %
Gehör beidseitig60 %

Die Werte sind typische Richtwerte und variieren je Anbieter. Gerade bei Fingern und Händen liegen zwischen einem Standardtarif und einem leistungsstarken Tarif oft erhebliche Unterschiede - ein abgetrennter Finger kann bei der einen Polizze ein Vielfaches dessen bringen, was die andere zahlt. Wer mit den Händen arbeitet, sollte hier besonders genau hinschauen.

Wichtig ist auch die Teilbewertung: Bleibt ein Körperteil nicht völlig funktionslos, sondern nur eingeschränkt, wird der Gliedertaxe-Wert anteilig angesetzt. Eine Hand, die nur noch zur Hälfte gebrauchsfähig ist, ergibt bei einem Hand-Wert von 55 Prozent also rund 27,5 Prozent Invalidität. Mehrere Verletzungen aus demselben Unfall werden addiert, der Gesamtinvaliditätsgrad ist aber mit 100 Prozent gedeckelt. Den endgültigen Grad legt ein medizinisches Gutachten fest - bei Streit über die Höhe entscheidet im Zweifel ein Sachverständigenverfahren oder das Gericht.

Progression und Versicherungssumme richtig wählen

Die Progression ist der Hebel, der schwere Schäden überproportional absichert. Sie multipliziert die Auszahlung mit steigendem Invaliditätsgrad - bei leichten Graden kaum, bei hohen Graden stark. Üblich sind Faktoren von 225, 350, 500 oder sogar 600 Prozent. Empfehlenswert ist eine Kombination aus 100.000 bis 200.000 Euro Grundsumme und 350 bis 500 Prozent Progression. Ziel ist eine Maximalauszahlung im Bereich von 500.000 bis 750.000 Euro, denn eine Vollinvalidität wirft Sie ein Leben lang aus der Bahn.

Rechenbeispiel: Was bei Verlust einer Hand herauskommt

Angenommen, Sie verlieren bei einem Unfall die Gebrauchsfähigkeit einer Hand. Vertrag: 150.000 Euro Grundsumme, 350 Prozent Progression, Gliedertaxe Hand 55 Prozent.

SchrittWert
Invaliditätsgrad (Hand)55 %
Grundsumme150.000 €
Auszahlung ohne Progression82.500 €
Effekt der Progression bei 55 %ca. +60 %
Auszahlung mit Progressionrund 130.000 - 140.000 €

Die genaue Progressionsstaffel steht in jedem Vertrag, weshalb der Endbetrag leicht schwankt. Der Punkt ist: Ohne Progression wären es 82.500 Euro, mit Progression deutlich mehr - und bei 100 Prozent Invalidität wären es statt 150.000 Euro über 500.000 Euro. Genau dafür ist die Progression da.

Welche Zusatzbausteine sich lohnen - und welche nicht

Unfallversicherungen werden modular verkauft, und nicht jeder Baustein ist sein Geld wert. Eine ehrliche Einordnung:

  • Bergungs- und Unfallkosten: sinnvoll und billig. Rund 10 Euro im Jahr für 20.000 Euro Deckung - vor allem für Bergsportler und Wanderer ein Muss.
  • Unfallrente: nur bei hohem Invaliditätsgrad relevant, meist ab 50 Prozent. Da weniger als zehn Prozent aller Unfälle zu dauerhafter Schwerinvalidität führen, ist sie für viele verzichtbar - das Geld steckt man besser in eine höhere Grundsumme.
  • Knochenbruchpauschale: meist Spielerei. Ein Pauschalbetrag bei jedem Bruch klingt nett, ändert aber an Ihrer finanziellen Lage nichts Wesentliches.
  • Todesfallleistung: wer Hinterbliebene absichern will, fährt mit einer separaten Risiko-Lebensversicherung günstiger und mit höherer Summe.

Der rote Faden: Geld in die Grundsumme und eine gute Gliedertaxe stecken, nicht in kleine Pauschalen. Eine hohe Auszahlung bei schwerer Invalidität schützt Ihre Existenz - eine 500-Euro-Bruchpauschale nicht.

Für wen sich die Unfallversicherung besonders lohnt

Nicht jeder braucht sie gleich dringend. Vier Gruppen profitieren besonders:

  • Kinder. Für Kinder gibt es keine Berufsunfähigkeitsversicherung, weil noch kein Einkommen besteht. Bleibt nach einem Unfall eine dauerhafte Schädigung, ist die private Unfallversicherung die wichtigste finanzielle Absicherung überhaupt - und sie ist für Kinder besonders günstig.
  • Selbstständige und Freiberufler. Wer nicht oder nur eingeschränkt über die AUVA pflichtversichert ist, hat im Ernstfall keine staatliche Absicherung für Freizeitunfälle und oft auch keine für berufliche. Hier schließt die private Polizze eine echte Lücke.
  • Pensionisten und ältere Menschen. Eine Berufsunfähigkeitsversicherung gibt es im Ruhestand nicht mehr, das Sturzrisiko steigt. Ein Oberschenkelhalsbruch mit bleibender Einschränkung kann die Lebensführung dauerhaft verteuern.
  • Menschen in Hand- und Risikoberufen. Wer auf seine Hände angewiesen ist - Handwerker, Friseure, Chirurgen, Musiker -, sollte gezielt auf eine starke Gliedertaxe für Finger und Hände achten.

Wer dagegen jung, kinderlos und über eine gute Berufsunfähigkeitsversicherung abgesichert ist, kann die Unfallversicherung schlanker halten und das Geld in die Grundsumme statt in Zusatzbausteine stecken. Eine pauschale Empfehlung gibt es nicht - die Bedarfslage entscheidet.

Fristen: warum schnelles Handeln zählt

Ein Punkt, den viele übersehen: Die dauernde Invalidität muss innerhalb einer im Vertrag genannten Frist - üblicherweise rund 15 Monate nach dem Unfall - ärztlich festgestellt und beim Versicherer geltend gemacht werden. Wer den Unfall zu spät meldet oder die ärztliche Feststellung verschleppt, riskiert die Leistung. Melden Sie jeden Unfall mit möglichen Spätfolgen darum frühzeitig, auch wenn das Ausmaß der Schädigung noch nicht feststeht. Die genaue Frist und das Meldeprozedere stehen in den Versicherungsbedingungen - lesen Sie diesen Abschnitt vor Abschluss.

Was die Unfallversicherung nicht leistet

Der wichtigste Ausschluss steht schon im Namen: Sie zahlt nur bei Unfällen, nie bei Krankheit. Ein Bandscheibenvorfall, ein Tumor, ein Burnout - alles, was nicht auf ein plötzliches äußeres Ereignis zurückgeht, ist nicht gedeckt. Wer sein Einkommen umfassend absichern will, braucht dafür die Berufsunfähigkeitsversicherung; bei kürzeren Ausfällen hilft das Wissen rund um Krankenstand und Entgeltfortzahlung.

Ebenfalls ausgeschlossen sind in der Regel Unfälle unter Alkohol- oder Drogeneinfluss, durch Vorsatz, bei bestimmten Risikosportarten ohne Zusatzvereinbarung sowie krankhafte Störungen, die nur bei Gelegenheit eines Unfalls auftreten. Bei schwerer dauerhafter Pflegebedürftigkeit nach einem Unfall greift zusätzlich das staatliche Pflegegeld, das die private Auszahlung sinnvoll ergänzt.

Für Familien lohnt der Blick auf die Gesamtabsicherung: Die Unfallversicherung deckt Körperschäden, die Privathaftpflicht Schäden an Dritten, und Auslandsschutz auf Reisen liefert die Reise- und Auslandskrankenversicherung. Diese drei Bausteine kosten zusammen weniger als viele für eine einzige Police vermuten - und decken die häufigsten existenziellen Risiken des Alltags ab. Wer mit kleinem Budget priorisieren muss, beginnt mit der Haftpflicht, ergänzt die Unfallversicherung für Kinder und stockt die Berufsunfähigkeit auf, sobald es das Einkommen erlaubt.

Quellen (3)

Häufig gestellte Fragen

Brauche ich eine private Unfallversicherung, wenn ich gesetzlich versichert bin?

Ja, wenn Ihnen Freizeitschutz wichtig ist. Die gesetzliche Unfallversicherung der AUVA zahlt nur bei Arbeits-, Wege- und Schulunfällen sowie Berufskrankheiten. Rund vier von fünf Unfällen passieren aber in der Freizeit oder im Haushalt - dort greift sie nicht.

Welche Versicherungssumme ist sinnvoll?

Eine Grundsumme von 100.000 bis 200.000 Euro kombiniert mit 350 bis 500 Prozent Progression. Damit erreichen Sie bei Vollinvalidität eine Auszahlung von rund 500.000 bis 750.000 Euro. Der Aufpreis für eine höhere Summe ist meist gering.

Was ist die Gliedertaxe?

Eine Tabelle im Vertrag, die jedem Körperteil einen festen Invaliditätsprozentsatz zuordnet - etwa Hand 55 Prozent, Auge 50 Prozent, Daumen 20 Prozent. Sie bestimmt die Auszahlung und ist das wichtigste Vergleichskriterium, weil die Werte je Versicherer stark schwanken.

Wie funktioniert die Progression?

Die Progression vervielfacht die Auszahlung bei hohen Invaliditätsgraden. Bei 100.000 Euro Grundsumme und 500 Prozent Progression bekommen Sie bei 100 Prozent Invalidität 500.000 statt 100.000 Euro. Bei leichten Graden wirkt sie kaum, bei schweren stark.

Was kostet eine private Unfallversicherung 2026?

Je nach Alter, Beruf und Bausteinen rund 7 bis 50 Euro im Monat (84 bis 600 Euro im Jahr). Studierende und Bürotätige zahlen wenig, körperlich riskante Berufe deutlich mehr (Marktbeobachtung Juni 2026).

Zahlt die Unfallversicherung auch bei Krankheit?

Nein. Sie leistet ausschließlich bei Unfällen. Wer sein Einkommen gegen krankheitsbedingten Ausfall absichern will, braucht eine Berufsunfähigkeitsversicherung - die deckt Unfall und Krankheit.

MH
Martin Höllinger

Chefredakteur finanzguide.at