Optionen und Derivate 2026 - Call, Put, Hebel und KESt

Von Martin Höllinger Stand 20.06.2026 Lesezeit 12 Min Quellen geprüft

Was Optionen und Derivate sind

Ein Derivat ist ein Finanzinstrument, dessen Wert von einem Basiswert abgeleitet ist - einer Aktie, einem Index, einem Rohstoff oder einer Währung. Eine Option ist eine bestimmte Form davon: das Recht, diesen Basiswert zu einem vorab fixierten Preis zu kaufen oder zu verkaufen. Optionsscheine, Futures, Zertifikate und CFDs sind weitere Derivate-Bauformen.

Der gemeinsame Nenner ist der Hebel. Mit wenig Kapital steuert man eine große Position - das vervielfacht Gewinne und Verluste gleichermaßen. Genau deshalb gehören Derivate zu den riskantesten Instrumenten am Markt und nicht in jedes Depot. Die Wiener Börse formuliert es nüchtern: wegen Komplexität und Hebelwirkung nur für erfahrene Anleger geeignet, die ihre Positionen laufend beobachten.


Call und Put: das Recht, nicht die Pflicht

Zwei Grundrichtungen gibt es. Ein Call ist das Recht, den Basiswert zu kaufen - er gewinnt, wenn der Kurs steigt. Ein Put ist das Recht, zu verkaufen - er gewinnt, wenn der Kurs fällt. Beide kosten beim Kauf eine Prämie, den Optionspreis.

Das Beispiel der Wiener Börse macht es konkret: Ein Call auf eine Aktie mit Basispreis (Strike) 100 Euro, Bezugsverhältnis 1:1, kostet 3 Euro Prämie. Der Gewinn beginnt erst über dem Break-even von 103 Euro - dem Strike plus Prämie. Steigt die Aktie auf 110 Euro, bleiben nach Abzug der Prämie 7 Euro Gewinn pro Optionsschein.

Drei Begriffe muss man dabei auseinanderhalten:

  • Basispreis (Strike): der Preis, zu dem das Optionsrecht ausgeübt werden kann.
  • Bezugsverhältnis: wie viele Optionsscheine auf eine Einheit des Basiswerts entfallen, etwa 1:1 oder 0,1:1.
  • Ausübungsart: amerikanisch (jederzeit während der Laufzeit ausübbar) oder europäisch (nur am Laufzeitende).

Wichtig ist das Wort Recht. Der Käufer muss nicht ausüben. Läuft die Wette schief, lässt er die Option verfallen und verliert nur die Prämie - nie mehr.


Woraus sich der Optionspreis zusammensetzt

Hier wird es interessant, und hier bleiben fast alle Erklärungen oberflächlich. Der Preis einer Option besteht aus zwei Teilen: dem inneren Wert und dem Zeitwert.

Der innere Wert ist das, was die Option sofort einbringen würde - bei einem Call also Aktienkurs minus Strike, mindestens aber null. Der Zeitwert ist alles, was darüber hinaus bezahlt wird: die Chance, dass sich der Kurs bis zum Laufzeitende noch günstig bewegt. Je näher der Verfallstag, desto weniger ist diese Chance wert - der Zeitwert schmilzt, der sogenannte Zeitwertverfall.

Am selben Call (Strike 100, Verhältnis 1:1) sieht das so aus:

Aktienkursinnerer WertOptionspreisZeitwertLage
95 €0 €2,00 €2,00 €aus dem Geld
100 €0 €3,00 €3,00 €am Geld
108 €8,00 €9,50 €1,50 €im Geld
108 € (Verfallstag)8,00 €8,00 €0,00 €nur innerer Wert

(Beispielwerte zur Illustration der Preiszerlegung.)

Die letzte Zeile ist die Lehre: Am Laufzeitende ist eine Option nur noch ihren inneren Wert wert, der Zeitwert ist weg. Wer einen Optionsschein bis zum Schluss hält, obwohl der Kurs sich seitwärts bewegt, verliert Geld allein durch das Verstreichen der Zeit - selbst wenn der Basiswert exakt gleich bleibt. Die Volatilität des Basiswerts treibt den Zeitwert zusätzlich: hohe Schwankungserwartung verteuert die Option, fallende Volatilität verbilligt sie.


Optionsschein, Option, Knock-out: die Bauformen

Der Markt kennt mehrere Verpackungen desselben Hebel-Prinzips.

Optionsscheine sind verbriefte Optionen, die eine Bank oder ein Emittent ausgibt. Man kauft sie wie eine Aktie über das Wertpapierdepot beim Online-Broker. Preis und Konditionen stellt der Emittent.

Börsengehandelte Optionen sind standardisierte Kontrakte an einer Terminbörse wie der Eurex. Sie sind in der Regel nicht verbrieft - was steuerlich einen Unterschied macht (siehe unten).

Knock-out-Produkte sind Hebelprodukte mit einer Schwelle. Berührt der Kurs des Basiswerts diese Knock-out-Barriere, verfällt das Produkt sofort wertlos. Anders als klassische Optionsscheine haben Knock-outs oft keine feste Laufzeit, dafür ist der Totalverlust nur einen Kursausschlag entfernt. Der Zeitwert spielt hier eine kleinere Rolle, das Schwellen-Risiko dafür die größere.

Für Einsteiger sind das selten geeignete Werkzeuge. Wer den langfristigen Vermögensaufbau sucht, ist mit breit gestreuten ETFs oder dem soliden Einstieg über Aktien für Anfänger deutlich besser bedient. Derivate sind Werkzeuge zur Absicherung oder zur gezielten Spekulation - nicht zum Sparen.


Zwei Kennzahlen vor dem Kauf

Wer zwischen mehreren Optionsscheinen auf denselben Basiswert wählt, sollte zwei Zahlen vergleichen, bevor er den Hebel bestaunt.

Das Aufgeld zeigt, wie viel teurer der Umweg über den Optionsschein gegenüber dem Direktkauf des Basiswerts ist, ausgedrückt in Prozent pro Jahr. Ein hohes Aufgeld frisst den Gewinn, wenn der erwartete Kurssprung ausbleibt - es ist im Kern der eingepreiste Zeitwert. Bei zwei sonst gleichen Scheinen ist der mit dem niedrigeren Aufgeld der bessere.

Der effektive Hebel (oft Omega genannt) sagt, um wie viel Prozent sich der Optionsschein bewegt, wenn der Basiswert sich um ein Prozent bewegt. Der nominelle Hebel aus Kurs geteilt durch Optionspreis überschätzt das fast immer; der effektive Hebel berücksichtigt, dass eine Option nicht eins zu eins mitläuft. Ein effektiver Hebel von 5 heißt: ein Prozent Kursplus im Basiswert bringt rund fünf Prozent im Schein - nach oben wie nach unten. Wer den nominellen mit dem effektiven Hebel verwechselt, kalkuliert sein Risiko systematisch zu niedrig.


Der Hebel - und warum er in beide Richtungen wirkt

Der Hebel ist der Grund, warum man Derivate kauft, und der Grund, warum die meisten damit Geld verlieren. Beim Call aus dem Beispiel: 3 Euro Prämie steuern eine Aktie im Wert von 100 Euro. Steigt die Aktie zum Verfallstag auf 110, ist der Optionsschein 10 Euro wert - aus 3 Euro werden 10, ein Plus von über 230 Prozent, während die Aktie selbst nur 10 Prozent zulegt.

Die Kehrseite ist genauso steil. Notiert die Aktie am Laufzeitende bei 100 oder darunter, ist der Optionsschein wertlos - minus 100 Prozent. Eine Seitwärtsbewegung, die einen Aktionär kaltlässt, kostet den Optionskäufer seinen gesamten Einsatz.

Ein wichtiger Unterschied zu anderen Hebelprodukten: Für den Käufer einer Option oder eines Optionsscheins ist der maximale Verlust die gezahlte Prämie. Mehr als den Einsatz kann er nicht verlieren - ein definiertes Risiko. Das unterscheidet die gekaufte Option vom gehebelten Differenzkontrakt, bei dem Verluste über den Einsatz hinausgehen können. Wer Optionen verkauft (schreibt) statt kauft, steht dagegen auf der Seite mit theoretisch unbegrenztem Risiko - das ist eine ganz andere Liga und nichts für Einsteiger.


Steuer: 27,5 % KESt, aber nicht immer automatisch

Einkünfte aus Derivaten unterliegen in Österreich dem besonderen Steuersatz von 27,5 Prozent - nicht der progressiven Einkommensteuer. So weit, so einfach wie bei der allgemeinen Kapitalertragsteuer. Der Haken liegt darin, wer die Steuer abführt. Hier trennt die WKO sauber zwischen zwei Fällen:

MerkmalVerbriefte DerivateNicht verbriefte Derivate
BeispieleOptionsscheine, ZertifikateEurex-Optionen, Futures
KESt-Abzugautomatisch durch inländische Bankkein automatischer Abzug
Steuererklärungnicht nötig (Endbesteuerung)Veranlagung verpflichtend
Steuersatz27,5 %27,5 %

Bei verbrieften Derivaten über ein österreichisches Depot ist also alles erledigt - die Bank rechnet ab, wie bei Aktien und Anleihen. Bei nicht verbrieften Derivaten oder einem Auslandsbroker muss man die Gewinne selbst in die Steuererklärung aufnehmen.

Beim Verlustausgleich gilt eine Besonderheit: Banken verrechnen Gewinne und Verluste über die Depots automatisch und passen die KESt an. Aber Verluste aus Derivaten lassen sich nicht mit Zinserträgen aus Geldeinlagen wie Sparbuch oder Festgeld verrechnen - sie bleiben in ihrem eigenen Topf der Kapitaleinkünfte mit Sondersteuersatz. Bei mehreren Banken oder Auslandsdepots holt man den Verlustausgleich über die Steuererklärung. Wie die Wertpapierbesteuerung im Detail funktioniert, zeigt auch der Vergleich zur Dividendenbesteuerung.


Für wen sich Derivate eignen

Klare Haltung: Für den Vermögensaufbau taugen Derivate nicht. Wer monatlich spart und in 20 Jahren ein Polster haben will, braucht keine Optionsscheine, sondern Aktien- und Anleihen-Bausteine - etwa über ETFs oder eine einzelne Anleihe. Der Zeitwertverfall arbeitet gegen den Langfristanleger.

Sinnvoll sind Derivate in zwei Fällen. Zur Absicherung: Ein Put auf das eigene Depot wirkt wie eine Versicherung gegen fallende Kurse, die Prämie ist der Preis dafür. Und zur bewussten, klein dosierten Spekulation mit Geld, dessen Totalverlust man verkraftet. Beides setzt voraus, dass man innerer Wert, Zeitwert und Hebel verstanden hat - sonst zahlt man Lehrgeld. Die Faustregel erfahrener Trader: nie mehr in ein einzelnes Derivat stecken, als man bereit ist, vollständig zu verlieren.


Quellen (3)

Häufig gestellte Fragen

Was ist der Unterschied zwischen einer Option und einem Derivat?

Derivat ist der Oberbegriff für jedes Finanzinstrument, dessen Wert von einem Basiswert abgeleitet ist - Optionen, Optionsscheine, Futures, Zertifikate, CFDs. Die Option ist eine konkrete Form davon: das Recht, einen Basiswert zu einem festen Preis zu kaufen oder zu verkaufen.

Was bedeuten Call und Put?

Ein Call ist das Recht zu kaufen - er gewinnt, wenn der Kurs des Basiswerts steigt. Ein Put ist das Recht zu verkaufen - er gewinnt bei fallenden Kursen. Beide kosten beim Kauf eine Prämie, die im schlechtesten Fall komplett verfällt.

Was ist der Zeitwert einer Option?

Der Teil des Optionspreises, der über dem inneren Wert liegt. Er bezahlt die Chance, dass sich der Kurs bis zum Laufzeitende noch günstig bewegt, und schmilzt zum Verfallstag auf null - der sogenannte Zeitwertverfall. Am Laufzeitende ist eine Option nur noch ihren inneren Wert wert.

Wie hoch ist das Verlustrisiko bei Optionen?

Für den Käufer einer Option oder eines Optionsscheins ist der Verlust auf die gezahlte Prämie begrenzt - mehr als den Einsatz kann er nicht verlieren. Das ist der Unterschied zu Hebelprodukten mit Nachschusspflicht. Ein Totalverlust der Prämie ist aber jederzeit möglich.

Wie werden Derivate in Österreich besteuert?

Mit 27,5 Prozent Kapitalertragsteuer als Sondersteuersatz. Bei verbrieften Derivaten wie Optionsscheinen und Zertifikaten zieht eine inländische depotführende Bank die KESt automatisch ab. Bei nicht verbrieften Derivaten gibt es keinen automatischen Abzug - die Erträge müssen veranlagt werden.

Was ist ein Knock-out-Produkt?

Ein Hebelprodukt mit einer Knock-out-Schwelle. Berührt der Kurs des Basiswerts diese Schwelle, verfällt das Produkt sofort wertlos. Anders als klassische Optionsscheine haben Knock-outs oft keine feste Laufzeit, dafür kann ein einziger Kursausschlag den Totalverlust auslösen.

MH
Martin Höllinger

Chefredakteur finanzguide.at